Mittwoch, Januar 18, 2006

Suedamerika Teil 11: Sucre, die untypische Landeshauptstadt

Kolonialbauten, weisse Gebaeude, angenehmes Klima und 2500 Hoehenmeter; kommt mir das nicht bekannt vor? Genau: Arequipa in Peru.
Das bolivianische Pendant heisst Sucre und ist sogar nominelle Hauptstadt des Landes. Nur 250.000 Einwohner gross bildete Sucre unter dem gleichnamigen Freiheitskaempfer den Startpunkt fuer die ersten Befreiungskaempfe gegen die spanischen Besetzer im 18. Jahrhundert. Sucre's Plaza bildet das Herzstueck der Stadt. Palmen und ein schoen angelegter Park laden zum Verweilen ein und lassen die Automassen drumherum verschwinden.

Sucre bietet allen Kirchenliebhabern ein breite Auswahl an verschiedenen Kirchen und Kapellen (30 Stueck) und ein Stadtrundgang ist ohne einen Besuch in einem der zahlreichen Museen nicht komplett.

Den schoensten Blick ueber die Stadt geniesst man vom "mirador", hoch oben ueber der Stadt. Dort steht die escalera Kirche, ein kleiner Plaza mit Brunnen und dem schoenen Panorama der Haeuser und der angrenzenden Berge.

Sucre ist immer noch Regierungssitz und verfuegt sogar ueber ein eigenes Fernsehstudio. Gepraegt ist die Mentalitaet der Stadt von den vielen bolivianischen Studenten, die sich im Bereich Soziologie, Psychologie oder Technik ausbilden lassen.

Leider spielte das Wetter die vergangenen zwei Tage nicht immer mit. Die Regenzeit macht sich langsam bemerkbar: es schuettet wie aus Eimern und unsere Schuhe waren regelmaessig gefuellt. Doch die abendliche Unterhaltung musste nicht darunter leiden.

Im Cafe "Joyride" (Besitzer ist ein Hollaender) werden viermal die Woche Filme im englischen oder spanischen Original gezeigt. Wir haben vorgestern und gestern "Requiem for a dream" auf englisch und "Hable con ella" auf spanisch. Zwei absolut sehenswerte Filme.

Heute Abend fahren wir mit dem Bus nach La Paz zurueck, da wir noch zwei Touren machen wollen: ein Besuch im Mondtal und der Aufstieg in das Skigebiet von La Paz auf dem 5600 Meter hohen Gletscher plus die Inkaruinen von Tiwanaku (mein Macchu Picchu Ersatz). Davon mehr in den naechsten Tagen.

Klein, aber fein: Sucre im Herzen Boliviens.

Suedamerika Teil 10: Salar de Uyuni und die Atacama Wueste

Um 10.30 Uhr waren wir, mit deutscher Puenktlichkeit ausgestattet, im Buero der Travel Agency eingetroffen. Mit uns warteten noch Paul aus England und Nichole aus USA (wohnhaft in London) auf den Startschuss unserer Tour. Nach einstuendigem Warten und dem Einsammeln von zwei weiteren deutschen Touristen konnte unser Abenteuer beginnen.

Drei Personen pro Sitzbank und ein geraeumiger Toyota Jeep: unser Zuhause fuer die naechsten vier Tage. Am Anfang kamen uns die beiden Mitte 40er aus Deutschland schrullig vor, doch je laenger die Reise dauerte, desto mehr Reiseerfahrungen und -erlebnisse (Venezuela, Guatemala, Honduras,...) erzaehlten sie uns und umso schoener wurde auch unser Trip.

Begleitet wurden wir noch von unserem bolivianischen Fahrer und Guide Oleguer und seiner Frau, die uns bekochen sollte und immer auf dem Beifahrersitz den ungestuehmen, aber nachvollziehbar maennlichen Fahrstil ihres Mannes mit einem vorwurfsvollen Blick nach links bewertete. Unser Fahrer war wie ein kleines Kind: am liebsten durch jede Pfuetze durchfahren, damit es an den Seiten nur so spritzt und der Jeep richtig benutzt aussieht.

Nach einer Stunde Fahrtzeit drangen wir dann mit unserem Vehikel in den Salar de Uyuni ein, der groessten Salzwueste der Welt. 11.000 Quadratkilometer gross, nur weiss und ab und an ein paar Wasserpfuetzen. Unbeschreiblich und selbst auf unseren Fotos nicht wiedergebbar. Exemplarisch ein paar Fotos vom Salar, die manche von euch auch per Mail bekommen haben:

(Morgengymnastik auf dem groessten Salzsee der Welt)

Wir fuhren mit 90 Stundenkilometern insgesamt 4 Stunden durch den Salar, am Horizont nur weisses Salz zu erahnen. Erster Stopp war ein Salzhotel, zweiter Stopp die Isla Pescada, die einfach mitten in dieser Wueste stand und ein perfekter Aussichtspunkt ueber den ganzen Salar bietet. Mit Kakteen bewachsen, bildete diese Insel den idealen Ort fuer unsere erste Mahlzeit.
Unsere beiden Begleiter hatten alles auf dem Dach des Jeeps dabei: Gaskocher, Tisch, Stuehle, Getraenke, Lebensmittel, Planen. Top ausgestattet genossen wir unser erstes Mahl unter der gleisenden Sonne Boliviens. Unsere beiden Vegis Nichole und Mareike begnuegten sich diesmal mit etwas weniger, da unsere Koechin auf Vegis nicht ganz eingestellt war.

Nach der Weiterfahrt durch den Salar begann es zu regnen und wir hatten einfach Glueck, dass wir den "trockenen Salar" ins seiner fast vollstaendigen Perfektion bewundern durften. Mit unserem Jeep kamen wir am spaeten Nachmittag in San Juan an, unserem ersten Uebernachtungsziel. Da wir erst gegen 12 Uhr in Uyuni losfahren konnten, waren wir mit die letzten in San Juan und kamen deswegen in den Genuss eines guten Zimmers. Alle anderen Fahrer versuchten natuerlich, ihre Kundschaft in moeglichts guenstige Unterkunft zu stecken, da am Ende mehr Verdienst uebrig bleiben wuerde. Wir hatten am Beginn unseres Trips einen Fixpreis fuer die vier Tage bezahlt (67,50 Dollar inklusive allem aus 50 Bolivianos Eintritten).

Unser erster gemeinsamer Abend mit den vier anderen Touris war sehr schoen. Wir hatten nur zwei Stunden Strom, da San Juan nur aus einfach Haeusern besteht und keine Elektrizitaet besitzt. Das Essen war koestlich, die Unterhaltung auf Englisch und Deutsch, querbeet durcheinandern. Im Laufe des Tages konnte wir uns auch schon an die Marotten von Nichole gewoehnen, die in jedem zweiten Satz "You know" sagt den Begriff/das Wort "like" nur selten nicht benutzt. Es drohte ein zweites "Yeah"-Disaster :-) Aber je schoener und schrulliger die Mitreisenden, desto unterhaltsamer die Reise.

Am naechsten Morgen ging es nach dem Fruehstueck wieder in den Jeep. Es hatte die Nacht ueber ununterbrochen geregnet und die Lehmstrassen waren aufgeweicht, matschig und glitschig. Einem Minibus wurde dies zum Verhaengnis: er blieb im Matsch stecken und konnte nicht mehr weiterfahren. Mit unermuedlichen Schaufeln versuchte der Fahrer, sein Gefaehrt wieder zu befreien. Ob es ihm gelang, wissen wir nicht. Nach einer halben Stunden Warten und Gaffen konnten die 9 Jeeps (darunter auch wir) weiterfahren, weil wir einfach an ihm vorbeifuhren. Normalerweise helfen sich alle Fahrer untereinandern. Warum diesen nicht geholfen wurde...hier nur eine Vermutung: billiger Anbieter, kein 4x4 Antrieb, keine Hilfe.
(Ein zweiter Jeep steckt fest...kommt aber Dank Seilwinde wieder frei)

Unser zweiter Tag fuehrte uns ueber Steinstrassen, Lehmpisten und kaum befahrbare Wege. Nichole fasste sich bei jedem Hubbel an die Stirn und simulierte Kopfschmerzen. Eine ihrere Marotten: Lippenstift! Natuerlich von Chanel. Aber nur fuer ihre trockenen Lippen ("Just for moisturizing, you know!") Ich war kurz davor zu fragen, ob ich ihn auch fuer meine trockenen Lippen verwenden duerfte.
An diesem Tag sahen wir insgesamt drei Lagunen, die in wunderbare Berglandschaften eingebettet waren und Teil eines riessigen Nationalparks waren. Wir bewegten uns durchgehend ueber 4200 Hoehenmetern und sahen schneebdeckte Berge, die sich im Wasser der Lagunen spiegelten. Unglaublich und auf manchen Fotos sogar zu erkennen. Atemberaubend!

Wir kamen relativ frueh in unsere Uebernachtungsmoeglichkeit an und mich ueberkam auf 4700 Hoehenmetern Schuettelfrost, Appetitlosigkeit, leichtes Fieber und Gelenkschmerzen. Von dem tollen Abendessen hatte ich nichts; genauso wenig von der Nacht: nach 6 Stunden Schlaflosigkeit und einer Aspirintablette konnte ich bis 4.30 Uhr meine Augen schliessen. Danach ging es schon weiter.

Der naechste Tag war noch gar nicht richtig angebrochen, da bestiegen wir wieder unseren Jeep. Wir hatten alle wenig Schlaf in unserem gemeinsamen Dorm bekommen und mussten uns den Schnarchattacken von Paul und dem Muenchner beugen. Der Grund fuer unseren fruehen Start: rauchende Geysire auf 5000 Hoehenmetern, die nur morgens aktiv waren. Nach dem kurzen Spektakel fuhren wir durch eine wunderschoene Schneelandschaft zu heissen Quellen, in denen wir baden haetten koennten. Es war schlichtweg zu kalt. Wir frohren alle schon in unseren dicksten Klamotten und bewunderten die abgehaerteten Hollaender und Argentinier, die sich entbloessten. Dafuer genossen wir unsere Pancakes, die am vorherigen Abend von unserer Koechin schon vorbereitet wurden.

(Zwei Verliebte in Bolivien)

Weiter ging es etwas tiefer (4200 Hoehenmetern) durch die Atacamawueste, die sich ueber Boolivien und Chile erstreckt. Wir waren am suedlichsten Punkt unserer Reiseroute sowohl von der argentinischen als auch von der chilenischen Grenze nur 15 Minuten entfernt. Unsere beiden deutschen Mitreisenden verliessen uns an diesem dritten Tag in Richtung Chile (San Pedro de Atacama). Wir hatten dadurch merh Platz im Jeep, mehr Essen fuer uns, aber zwei sympathische Menschen verloren. Es blieben Tussi-Nichole und Flirt-Paul. Neben der Lagune Colorado (schillernde Farben im Wasser, weisse Guanoinseln und tausende Flamingos) fuehrte uns dieser Tag noch an unsere letzte Uebernachtungsmoeglichkeit: ein kleines Dorf mit zwei kuenstlerisch eingerichteten Plazas. In der Mitte von Nichts stand dieser Ort, der sich vor allem vom Kinua-Anbau ernaehrte. Kinua ist eine Alternative zu Reis und schmeckt etwa wie Couscous. Besonderheit an der Unterkunft: eine heisse Dusche! Gold wert.

Am naechsten Tage - unserer Rueckreise nach Uyuni (wir waren nur noch 4 Stunden entfernt) - erfuhren wir dann, was Silber wert ist. In der Naehe von San Cristobal gibt es einen Berg voller Silber. Nachdem ein bolivianisches Unternehmen gescheitert war, dieses Silber abzubauen, liessen sie sich von einer kanadischen Firma ueber den Tisch ziehen: "Ihr ueberlasst uns den Berg, dafuer bauen wir euch Strassen, siedeln eure Leute um, bauen neue Doerfer und: ihr seid die ersten, die bei uns arbeiten duerfen." Leider wurde der Berg verkauft und wieder einmal wurde ein Kapitel "Korruptes Bolivien oder Wie ein Land voller Bodenschaetze nie etwas von dem Gewinn sehen wird" geschrieben. In etwa 30 Jahren gibt es den Berg nicht mehr und das Unternehmen zieht wieder weg. Dies bedeutet: die Arbeiter haben keine Arbeit mehr, haben die Landwirtschaft 30 Jahre lang vernachlaessigt, bekommen keinen Strom mehr und sind aermer als zuvor. Eine schreiende, gar bruellende Ungerechtigkeit! Wenigstens gibt es einige Bolivianer, die noch merken, was in ihrem Land vorgeht und die Aufklaerungsarbeit leisten.

Unser Tag endete mit einem Mittagessen direkt an der Strasse nach Uyuni mit leckeren Thunfisch, Reis, Kartoffeln, Gemuese und Orangensaft. Eine unglaublich beeindruckende und unbeschreiblich schoene Tour ging zu Ende. Unser Fahrer war ein Meister seines Fachs und fuhr uns durch die tiefsten Loecher, durch ueber Nacht entstandene Fluesse und ueber die schlammigsten Strassen. Unsere Koechin zelebrierte ein ums andere Mal ein leckeres Essen der einheimischen Kueche und erfreute uns immer mit ihrem herzhaften Lachen.

Ein Muss in Bolivien: Salar de Uyuni...ein Weltwunder.

Sonntag, Januar 15, 2006

Suedamerika Teil 9: La Paz-Oruro-Uyuni mit Bus und Bahn

Von La Paz aus wollten wir nach Uyuni reisen, um uns den groessten Salzsee der Welt, den Salar de Uyuni, anzusehen. Uyuni selbst ist unansehnlich und mit 12.ooo Einwohner sehr klein. Gepraegt von vielen kleinen Hostals und "unendlich" vielen Pizzerias!

In La Paz liessen wir uns mit dem Taxi an den Bus Terminal bringen. Die Bustickets bis nach Oruro hatten wir schon per Voucher gekauft und mussten nur noch unsere richtigen Tickets abholen. Alles lief glatt. Lediglich der Ticketbeamte wollte uns noch 20 Bolivianos extra abluchsen, da er meinte, man muesse fuer das Gepaeck extra zahlen. Verwundert, aber nach unseren zahlreichen Busreisen selbstsicher genug, hakte Mareike mehrmals nach und ploetzlich durfte unser Gepaeck doch kostenfrei mit uns reisen.

Nach drei bis vier Stunden kamen wir in Oruro an, einem verlassenen und staubigen Wuestenkaff, welches nur eine Besonderheit bietet: einen Bahnhof. Das Streckennetz in Bolivien war einmal richtig gut, doch durch Ueberschwaemmungen und Erdrutsche sind viele Gleise unterspuelt und die Regierung hat kein Geld, das Netz zu erneuern. Einer der wenigen verbliebenen Strecken ist die Verbindung Oruro-Uyuni.

Sieben Stunden in bequemen Zugsitzen, die man sowohl in Fahrtrichtung drehen konnte als auch nach hinten verstellen konnten. Ein Fernseher in jedem Abteil mit amerikanischen und japanischen Filmen (Jackie Chan in einem seiner ersten Filme; Verrueckt nach Mary) vermittelte einem ein angenehmes Reisegefuehl. Dazu noch ein Schaffner, der alle zwei Stunden den Flur fegt und mit Raumspray einen etwaigen "Geruch" uebertuenchte. Einmal pro Stunde wurden uns dann warme Speisen aus dem Speisewagen und frische Getraenke angeboten. Service pur.

(Blick aus unserem Zugfenster)

Ein Teilstueck der Strecke fuehrte direkt durch ein Wasserreservat und an an beiden Fensterfronten konnte man Flamingos sehen, von denen wir im Laufe unsere Weiterreise nicht mehr "fliehen" konnten. Gemuetliches Reisen, um einiges besser als Busfahren, dafuer aber nur unwesentlich teurer: 52 Bolivinaos pro Person (etwa 7 Dollar). Fuer eine Busfahrt haetten wir mindestens 40 Bolivianos zahlen muessen.
Auf dieser Fahrt erlebten wir noch zwei Australier, die sich in ihrer Beklopptheit abwechselten: in jedem Satz kam mindestens 6 Mal das Wort "Yeah!" als Bestaetigung einer Geschichte oder einer Aussage vor. Die ganze Fahrt lang! Uns verfolgte dieses Wort sogar bis in die erste Unterkunft in Uyuni: wir erwachten durch ein lautes "Yeah".

Im Speisewagen konnte wir dieser Hoerbelaestigung fuer eine gute Stunde entgehen und konnten fuer kleines Geld (nur unwesentlich teurer als in einem Tourirestaurante) ein gut zubereitetes Essen geniessen. Wir beobachteten den Sonnenuntergang und fuhren durch die sich ausbreitenden Dunkelheit.

Gegen 22 Uhr kamen wir in dem hellwachen Nest Uyuni an und wurden sofort von Hostalvermittlern umlagert. Einem gaben wir nach und bezogen ein niedliches kleines Zimmer fuer sehr guenstige 30 Bolivianos und einem "shared bathroom" auf unserer Etage. Noch am selben Abend informierten wir uns ueber eine moegliche Tour und trafen Antje und Urs (wir kennen seinen Namen nicht, aber er ist Schweizer; der Name sollte also passen) von der Yungas-Tour wieder. Doch sie buchten eine 4-Tages-Tour gleich fuer den naechsten Tag. Wir machten noch einen Tag Pause und fuhren, mit viel Schlaf gestaerkt, in unser kleines Abenteuer.

Zugfahren kann billig und bequem sein. Und puenktlich.

Suedamerika Teil 8: Besuch beim Frisoer

Schlendert man abends durch die Gassen und Strassen von La Paz, wird man ab und zu von dort sitzenden Frisoeren angesprochen, ob man sich seine verfilzten, ungewaschenen, schlecht aussehenden oder verstaubten Haare nicht schneiden lassen moecchte.

"Dauert auch nicht lange, nur 15 Minuten" oder "10 Bolivianos fuer den Herrenschnitt. Komm herein" rufen sie einem entgegen und am Abend nach der Yungastour konnte Mareike nicht widerstehen. Also ab in das kleine Zimmer mit Ausgang zur Strasse. Gefuellt mit vier Schneideplaetzen, einem stylischen 70er Jahre Waschbecken aus Plaste und 25 verschiedenen Frisurtypen als Grafik an den hohen Waenden: der Arbeitsplatz von drei Frisoeren: ein Junger, ein Alter, eine Frau. Und Enrique Iglesias als Frisurenmodell!

Kaum hatte die Frisoerin Mareikes Haare in den Haenden, riet sie ihr zu einer Spezialbehandlung gegen trockene Haare. Gesagt, getan...nur aus den 15 Minuten und den 15 Bolivianos wurden dann doch 60 Minuten und 60 Bolivanios...pro Minute ein Boli. Umgerechnet immer noch spottbillig, waren wir gespannt, wie der Schnitt nun sein wird. Erkenne ich Mareike ueberhaupt wieder?

Das Wasser wurde mittels Heizstab warm gemacht und behutsam ueber den Kopf getraeufelt. Ohnehin gab es in diesem Salon kein fliessendes Wasser. Die Haarkur musste anschliessend einwirken und Mareike bekam eine Plastik um die Haare + eine hollaendisch anmutende Waermehaube. Sie sah aus wie Frau Antje aus Holland, die diesmal aber keinen weissen Hut sondern einen Roten mit Heizmatte anhatte. Zum Schiessen.

Waehrend der Behandlung wurden wir Zeuge eines typisch bolivianischen Brauches: jede Bolivainerin und jeder Bolivianer muss einmal in seinem Leben alle Haare abschneiden lassen. Damit umgeht man den Haarausfall im weiteren Lebensverlauf. Der kleine Junge, an dem dieses Ritual vollfuehrt wurde, hatte wunderbares schwarzes Haar und war nach der 30-minuetigen Rasur nicht sicher, ob er nun lachen oder weinen sollte. Alle Haare waren ab, zum Schluss mittels Nassrasur und scharfem Messer, damit auch kein einziger Stoppel uebrig blieb.

(Foto aus einem bolivianischen Frisoersalon)

Unterdessen verabschiedete sich der Aeltere Mann mit Faltenhose, Krawatte und Hemd in den Feierabend. Er hatte gerade noch einem Mann das Modell "Sandro" geschnitten (Topfschnitt) und bediente den Kurzhaarschneider manuell.

Mareike bekam eine ordentliche Frisur, mit gerade geschnittenem Pony (nicht gewuenscht) und toll hingefoehnter Frisur (nicht gewuenscht). Anschliessend sah die Frisur wie eine bolivianische Interpretation von Angela Merkels neuer Frisur aus. Sprich: gewoehnungsbeduerftig.

Nach zweimal "durch-die-Haare-wuscheln-und-hoffen-dass-es-anders-aussieht" und vier Tagen warten fuehlt sich Mareike in der Zwischenzeit wieder wohl mit ihren Haaren.

David Hasselhoff ist ein beliebtes Haarmodell. Wer haette das vermutet?

Suedamerika Teil 7: Mountainbiking die Yungas hinab

(Die Yungas; Quelle: www.Wikipedia.de/Yungas)

Letzten Sonntag begann in aller Fruehe unsere eintaegige Mountainbike-Tour durch die Yungas. Nach einem gepflegten Fruehstueck (es gab zum ersten Mal Toasts mit Schinken und Ei) startete die internationale Gruppe aus 3 Deutschen (ausser uns war noch Roland aus Berlin dabei, der ein Jahr in Argentinien studiert hat), vier Schweizern, drei Hollaendern (Wisst ihr, wofuer "NL" auf den hollaendischen Autos auf deutschen Autobahnen wirklich steht? - Nur links! hahahahaha), einem Kanadier, zwei Australiern, zwei Englaendern und unseren bolivianischen Guides.

Nach kurzer Busfahrt stiegen wir in La Cumbre auf 4700 Metern Hoehe aus und ruesteten uns mit Radlerhosen, Sitzprotektoren und einem Mountainbike-Oberteil aus und rasteten den ersten Teil der Strecke hinunter. Der Asphalt bebte unseren Reifen und wir flogen durch die Kurven, immer steil der Strecke folgend. Nach etwa einer Stunde kam dann der erste Anstieg: Ich war mit in der Spitzentruppe und erklomm die Kuppe mit Leichtigkeit. Doch danach merkte ich den stechenden Schmerz in meinen Lungen: solch eine Anstrengung hatten sie wahrlich noch nicht erlebt. Ich aechzte auf dem Trekkingbike vor mich hin und musste den letzten Anstieg (insgesamt waren es drei Anstiege auf diesem Teilstueck) dann doch schieben. Die anschliessende Pause war ein Segen fuer meine Gesundheit.

Radfahren auf 4000-4700 Metern Hoehe ist verdammt anstrengend.

Kurz nach Pongo (3500 Hoehenmeter) ging es die "richtige" Strasse herunter. Ben (unser Guide) fuhr vorne weg: Schotter, Matsch und statt dem schnittigen Fahren in den Kurven musste man aufpassen, dass man nicht 1000 Meter in die Tiefe der Yungas faellt. Wir fuhren die "death road", eine Strasse, die La Paz mit dem Norden Boliviens verbindet und die immer noch eine der wichtigsten Verbindungsstrassen des Landes ist. Die "Strasse" ist etwa 8 Meter breit, so dass maximal ein LKW diese Strecke befahren kann. Natuerlich gibt es Gegenverkehr - versteht sich. Die Route, die dann 4 Stunden lang fuhren, erstreckte sich von 3500 Metern auf 1200 Metern. 2300 Hoehenmeter legten wir in dieser Zeit zurueck:

unter Wasserfaellen hindurch, an wunderbaren Aussichtpunkten vorbei, durch wahrlich moerderische Kurven (es starben auf solchen Touren bislang zwei Radfahrer; insgesamt sterben auf dieser Strecke etwa 350 Menschen pro Jahr), ueber Staubpisten (wir bekamen extra einen Mundschutz), an Bussen und LKW vorbei, mit bebenden Saetteln...unbeschreiblich!
Die Fotos, die Mareike und ich euch zuschicken werden bzw. die ihr bald in diesem Artikel sehen werdet, lassen erahnen, welchen aussergewoehnlicher Ausflug wir mitgemacht haben. Eine weitere Besonderheit: wir mussten immer auf der linken Seite heruntergefahren. Erklaerung: wenn man auf der linken Seite die Strasse hinab faehrt, hat der Fahrer immer auch das Lenkrad auf der linken Seite und sieht, wie nah er am Abgrund fahren kann!

Nach kleineren Pausen, einem ausgedehnten Essen, vielen Dreckspritzern auf dem Ruecken und meiner eingeoelten Hose kamen wir gegen 14 Uhr in Yolosa, einem verschlafenen Nest auf 1200 Metern, an und hatten die Fahrt verletztungsfrei ueberstanden. Nur eine der Hollaenderinnen aus unserer Gruppe stuerzte auf einem Teilstueck und verletzte sich im Gesicht (abends ging sie dann noch in die clinica: cut ueber dem Auge, stark geschwollene Backe, lila-farbene Haut, Schock)...Witze ueber das normale Fahrverhalten von Hollaendern auf ebener Strecke erspare ich euch an dieser Stelle.

Anschliessend fuhren wir auf der anderen Seite der Yungas nach Coroico, einem touristisch gepraegten Bergdorf, und freuten uns ueber warme Duschen, einen sauberen Pool und ein leckeres Buffet.

Die gleiche Strecke, die wir bis 14 Uhr hinab gefahren sind, mussten wir anschliessend mit unserem Versorgungsbus wieder hinauf. Und dies war unsicherer als das Mountainbiking! Als wir nach drei Stunden wieder auf einer asphaltierten Strasse waren, platzten unserem Bus hinten rechts prompt beide Reifen. Nur einen hatten wir zum Wechseln dabei, was aber kein Problem fuer Bolivianer ist: der "neue" Reife wurde vorne links platziert, der von vorne einfach nach hinten rechts montiert. Und der zweite geplatzte Reifen blieb natuerlich auf der Felge!

Muede und geschafft kamen wir mit Ravemusik aus den 90er Jahren gegen 20 Uhr wieder in La Paz an. Ein aufregender Tag, der wirklich alles in sich hatte.

Schotter, Matsch und Schmerzen in der Hand. So muss es sein!

Suedamerika Teil 6: La Paz

(Foto von wikiepedia.de)

Unser Weg von Arequipa aus fuehrte uns ueber den Titicacasee nach Copacabana und auf die Isla del Sol, von der ich den meisten per Mail schon berichtet habe. Nach dem Ausflug auf der Wanderinsel ging's schnurstracks nach La Paz, der Stadt in den Anden.

(Ein Blick auf die Inkatreppen, dem beschwerlichen Anstieg der Isla del Sol)

Zig Millionen Menschen leben in dieser Stadt, die sich von 3100 Metern bis auch 4100 Metern erstreckt. El Alto ist der hoechste Punkt der Stadt, ein ganz eigenes Viertel, in dem viele arme Menschen und die bekannten Schuhputzer leben. Die reichen Menschen siedeln sich entgegen der normalen Begebenheit nicht in den Bergen des Canyons an, sondern im Tal. Dominiert wird der Blick auf die Stadt durch den gewaltigen Illimani, der sich bis auf 6462 Meter in die Hoehe reckt.

La Paz wirkte auf mich - der erste Eindruck - fasziniernd und spannend. Als wir abends/nachts in La Paz am cementario ankamen und mit unserem bolivanischen Bus ohne Stossdaempfer die Strassen hinab fuhren, wurden wir richtig durchgeschuettelt und bekamen einen naechtlich, dreckigen Eindruck von der Stadt. Kaum am naechsten Morgen erwacht, zeigte sich die Stadt von ihrer bunten und vielseitigen Seite. Zwar konnte man einen Stadtrundgang innerhalb eines Nachmittags locker begehen, doch entdeckten wir so viele schoene kleine Plazas und Gassen, dass wir richtig ins Schwaermen kamen.

(Grosser colectivo auf der Hauptstrasse La Paz)

Man muss sich allerdings an die ungewoehnliche Architektur von La Paz gewoehnen: neben wunderschoenen alten Bauten stehen klobige Wolkenkratzer. Alte Gebauede, die in Europa unter Denkmalschutz stehen wuerden, verfallen regelrecht und meist ist nur das Erdgeschoss nutzbar. Die anderen Stoecke besitzen schon lange keine Decke mehr und wirken manchmal wie Pappkulissen aus billigen Westernfilmen.

Von La Paz aus kann man zahlreiche Ausfluege machen: die Yungas hinab (Teil 7), alte Inkaruinen besuchen, das Mondtal bereisen und einen Gletscher auf 5670 Meter erklimmen und Ski fahren. Davon mehr in ein paar Tagen, wenn wir zum Ende meiner Reise wieder in La Paz Halt machen.

Eine Stadt, wie keine Andere. Faszination pur!

Mittwoch, Januar 11, 2006

Suedamerika Teil 5: Schulbesuch in der Wueste

Mareike, Marlise (eine weitere Freiwilligenhelferin aus der Schweiz) und ich stiegen morgens in ein colectivo in Richtung Villa Cerillos. In diesem "Stadtteil" ist die Schule, in der Mareike den Lehrern beim Unterricht geholfen hatte.

Am Anfang war der Bus noch prall gefuellt. Wir fuhren in einem alten amerikanischen Gefaegnistransporter (wenn ihr den Film "Brubaker" mit Robert Redford kennt, dann wisst ihr, wie diese Busse aussehen) durch Arequipa und steuerten auf die Wueste ausserhalb der Stadt zu. Der Bus leerte sich von Kilometer zu Kilometer, je naeher wir den Slums kamen. Gute 15 Kilometer fuhren wir durch Wueste und Trockenheit, auf Staubstrassen und an "Haeusern" vorbei, die diesen Namen in Europa nicht tragen wuerden. Etwa so gross wie deutsche Schrebergartenhaeuschen, aus einfachen Steinen zusammengestellt, mit einem Wellblechdach (wenn ueberhaupt) lebten meistens 6 Personen auf 6 Quadratmetern. Wohlgemerkt: ein Schrebergartenhaeuschen in Deutschland waere purer Luxus fuer diese Menschen, die aus lauter Verzweiflung ihr Zuhause auf dem Land verlassen haben und an die Grenzen der Staedte fluechten (siehe auch Lima). Der erste Eindruck setzte sich langsam.

Nach einer Stunde waren wir an der Endstation angekommen und wir waren nur noch zu dritt im Bus (plus der Fahrer). Kaum stiegen wir aus, hatte Mareike auch eines "ihrer Kinder" an der Hand. Die Freude war gross, das Kind war gut angezogen und war frisch gewaschen. Sie sagte uns, dass sie alles neu zu Weihnachten bekommen hatte. Wir freuten uns. An dem damaligen Tag war ein Einweihungsfest an der Schule, da neue Klassenzimmer gebaut wurden, viel frisch gestrichen wurde und eine grosse Halle gebaut wurde. Nach 15 Minuten Fussweg war man da und in mitten von Staub und Steinen wirkte die Schule wie "Hoffnung".

Weitere Kinder erkannten Mareike und begruessten sie und ploetzlich konnte ich dann doch den krassen Gegensatz erkennen: an der linken Hand das gut gekleidete Kind mit neuem Pullover, Hose, Schuhen, Socken. An der rechten Hand ein Kind im gleichen Alter, mit Verbrennungen im Gesicht, ganz trockener Haut, dreckigen Oberteil, schlechten Schuhen und keinen Socken. Wir sassen mit beiden Kinder bei der Einweihungsfeier in der ersten Reihe und bei dem Anblick der beiden Kinder kaempfte ich mit den Traenen. Ich hatte mir den Unterschied nicht so deutlich vorgestellt. Das Kind mit den Verbrennungen war sehr verschlossen und erzaehlte Mareike nur, dass sie kein Weihnachten gefeiert hatte. Welch Gegensaetze in ein und dem selben Slum, vor den Toren einer wohlhabenden Stadt in Peru. Ich war geschockt.

Die meisten anderen Kinder wurden von ihren Eltern fuer diesen Tag besonders herausgeputzt. Durch die andauernden Ferien kamen die Kinder nicht mehr zur Schule und ihre Eltern legten dann nicht mehr viel Wert auf das Erscheinungsbild der Kinder. Wenn man sich vorstellt, dass dann jedes Kind auch noch einen Paten aus einem reichen Land der Welt hat, der das Kind unterstuetzt, stellte sich mir die Frage, wie es ueberhaupt zu solch ueblen Verbrennungen kommen kann und man Kinder so schlecht behandeln kann.

Nach der Feier und dem Begutachten der neuen Anlagen verliessen wir die Schule wieder und gingen zum Bus. Auf dem Weg begleitete uns noch das Kind mit den Verbrennungen mit ihren zwei Geschwistern und verschwanden nach kurzer Zeit in ihr "zuhause": eine Lehmhuette mit Wellblechdach, nicht mehr als 10 Quadratmeter Platz, zusammen mit ihren Eltern.

Auf dem Weg zurueck wsr ich immer noch schockiert und konnte es nicht glauben. Fotos, die Mareike machte, zeigen die Schule und die Kinder waehrend der Schulzeit, in denen die Kinder regelmaessige Mahlzeiten bekamen und eine Beschaeftigung hatten. Doch auf die Realitaet in ihrer schulfreien Zeit, die ich an diesem Tag sehen konnte, war ich einfach nicht vorbereitet.

Unbegreiflich. Unbeschreiblich. Ein Grund mehr zum Nachdenken und Helfen.

Sonntag, Januar 08, 2006

Suedamerika Teil 4: "colectivos" oder der normale Wahnsinn im Stadtverkehr

Die einfachste und guenstigste Art, von A nach B zu kommen, sind die "colectivos". Bekannt in Deutschland von Lehrerfamilien, die sich und ihre vier Kinder in eine kleine, japanische, unfoermig aussehende Blechkarosse quetschen.

Asiatische Autos sind in Peru weit verbreitet; vor allem Minibusse. In diese passen 10-15 Personen, was man diesen Alleskoennern von aussen nicht ansieht - und von innen immer noch nicht glaubt. Dafuer kann jeder, der sich einen solchen Minibus leisten kann, sich fuer eine bestimmte Route registrieren lassen und damit die zahlende Kundschaft an einen beliebigen Punkt auf dieser Route bringen kann. Kostenpunkt der Fahrt: 60 Centimos, umgerechnet etwa 15 europaeische Cent.

Am Lenkrad haengt immer ein Gewebeband, da es sein kann, dass man waehrend der Fahrt irgendetwas an dem schon sehr alten Minibus kleben muss. Meistens sind auch die Tachos schon defekt und zeigen weder die Geschwindigkeit (man will sie in den schmalen Gassen und dem halsbrecherischen Fahrstil der Fahrer eh nicht wissen) noch die verbleibende Benzinmenge an. Ab und an musste ein colectivo auch kurzgeschlossen werden, da der Zuendschluerssel abgebrochen war oder sich der Minibus nicht anders starten liess.

Moechte man abbiegen: einfach Hand raus. Wozu braucht man einen Blinker, dieser wird eh ueberschaetzt! Und wenn wir schon bei Verkehrsregeln sind: es gibt zwar Ampeln und Vorschriften, aber es langt ein kurzes Hupen, um anzuzeigen, dass man ueberholt oder einfach ohne zu kucken ueber eine viel befahreren Kreuzung faehrt.

In den Taxis, die wesentlich teurer sind, aber einen auch an den gewuenschten Ort bringen, wenn man keine Ahnung hat, wo dieser in der Stadt liegt, sieht man das komplette Gegenteil: Fahrer mit Krawatten und Hemd und Platz im Auto. Dafuer muessen diese Fahrer wirklich die Strassen der Stadt kennen, da sie sonst sich in dem Einbahnstrassensystem der Staedte hoffnungslos verlieren wuerden.

colectivos: Thrill fuer ein paar Cents.

Suedamerika Teil 3: Arequipa, die weisse Stadt

Die Hauptstadt Arequipa des gleichnamigen Departemento liegt auf 2353 Meter Hoehe und beherbergt ueber eine Million Menschen. Wie auch in Lima gibt es um die eigentliche Stadt eine weit in die Steinwueste reichende Slumsiedlung, die noch einmal etwa eine Million Menschen ein "Zuhause" gibt. Unvorstellbar (dazu mehr in meinem naechsten Bereicht ueber den Schultag).

Umgeben wird Arequipa von drei Vulkanen: dem 5822 Meter hohen Misti, dem immer schneebdeckten und 6057 Meter hohen Chachani und dem 5664 Meter hohen Pichu Pichu. Durch die Naehe der immer noch aktiven Vulkane werden angeblich taeglich bis zu 20 Erdbeben registriert. Wir bemerkten davon zwar nichts, was unseren Eindruck der Stadt aber nicht minderte.

Arequipa fuehlte sich fuer mich europaeisch an und ist tatsaechlich sehr untypisch fuer Peru. Der Plaza bildet auch hier den Mittelpunkt der Stadt. Umgeben ist dieser an einer Seite von einer schoenen Kirche; an den anderen Seiten stehen zweistoeckige Torboegen, in denen man gemuetlich essen kann und dem Treiben rund um den Plaza zusehen kann.

(Arequipas Plaza bei Nacht; Quelle: http://www.ecuaworld.com/peru/arequipa.html)

Warum "die weisse Stadt"? Arequipa ist aus Sillar, einem hellen Vulkanstein erbaut und viele der noch heute existierenden Bauten sind genau in diesem Sillar gut erhalten.

Eine der Besonderheiten ist das Kloster Santa Catalina, eine Stadt in der Stadt, in der man keinen einzigen Ton der pulsierenden Stadt bemerkt. Lediglich das Zwitschern der Voegel und das Sprachengewirr einzelner Touristen ist zu hoeren. Im Stile der maurischen Architektur entstand ein Kloster fuer 150 Nonnen und 400 Dienstmaedchen, in dem heute noch etwa 30 Nonnen leben.

Arequipa ist auf dem Weg nach Bolivien eine gute Zwischenstation, um die merklich ansteigenden Hoehenmeter gesundheitlich gut zu meistern. Lima liegt auf Meereshoehe, Arequipa auf 2400 Metern und La Paz auf guten 3600 Metern. Zeit zur Eingewoehnung.

Arequipa bietet vor allem auch gutes Essen, unter anderem cui (Meerschweinchen) und weitere Spezialitaeten der peruanischen und arequipeñischen Kueche. Europaeische Kueche sollte man vermeiden, da die Nudeln wirklich nie "al dente" sind und man einfach bei dem bleiben sollte, was die Arequipeñas kochen koennen. Dann schmeckt es auch einfach fantastsch.

Eine kleine Besonderheit zum Schluss: alle Arequipeñas (ausser denen, die in den Slums wohnen) haben neben ihrem peruanischen Pass auch einen speziellen arequipeñischen Pass. Sie fuehlen sich besonders und kultivieren dies auch ueber ihre Stadtgrenzen hinaus. Viel Argwohn bekommen sie hierfuer vom Rest Perus, aber ihr Selbstbewusstsein ist gross genug.

La Ciudad Blanca: immer eine Reise wert. Egal, fuer wie lange.

Suedamerika Teil 2: die Ueberfahrt von Lima nach Arequipa mit dem Bus

(Karte von Wikipedia)

Die beiden groessten Staedte Perus trennen auf der Landkarte nur wenige Zentimeter. In Wirklichkeit erstreckt sich der Abschnitt der Panamericana zwischen Lima und Arequipa auf 1600 Kilometer, direkt an der Westkueste Perus.

Nach etwa einer Stunden verlaesst man die letzten Armensiedlungen Limas und begibt sich auf den Weg nach Sueden. Bei unserem Busunternehmen konnten wir auf unserem ersten Streckenabschnitt gleich zwei Filme begutachten: der erste war ein guter Film mit Jake Gyllenhaal, Robert de Niro und Susan Sarandon, der leider viel zu leise gezeigt wurde, so dass wir nicht wirklich etwas mitbekommen haben. Der zweite Film war auch auf englisch, dafuer aber viel zu laut und nicht empfehlenswert: Aeonflux/Serenity mit Charlize Theron - ein Actionfilm!

Erster Stopp nach vier Stunden war Pisco. Ein verschlafener Hafenort mit einem schoenen Plaza in der Mitte der Ortschaft. Von dort aus konnten wir eine Bootstour machen, in deren Verlauf wir Massen von Seeloewen, Humboldt-Pinguinen und Guano-abladenden Voegeln sehen konnten. Die Tour fuehrte uns dann noch in ein Naturschutzgebiet, mitten in einem Teil der beginnenden Wueste. Durch unseren Guide Silvio konnte wir so einen noch tieferen Einblick in die wundersame Landschaft an der Westkueste Perus bekommen.

Nach zwei Tagen ging es dann auf der Panamericana ins eine Stunde entfernte Ica; von dort aus direkt nach Huacachina, der Oase am Rande der Wueste. Wunderbares Entspannen in einem der Backpackerlodges war angesagt: der Magen streikte. Mareike konnte das Schwimmen im Oasensee geniessen und wurde gleich von mehreren kleinen Kindern bestuermt. Sie hat einfach eine magische Anziehung auf die "poccitos". Ich "relaxte" mehr oder minder auf dem Klo :-)
Am zweiten Tag experiementierte Mareike zum ersten Mal mit dem Sanboard und kam geschafft von der Sandbuggy-Tour zurueck. Da es mir wieder besser ging, stand fuer mich am dritten Tag in Huacachina meine erste Tour auf dem Programm, die einfach nur cool war - auch wenn der Sand immer noch nicht aus den Klamotten ist.

(Die Oase Huacachina in der Naehe von Ica)

(Unsere Sandboardclique vor der dritten Duene)

Zu guter Letzt folgte unser laengster Abschnitt auf der Strecke Lima-Arequipa: 12 Stunden von Ica nach Arequipa (Bus Terminal). Wir fuhren ueber Nacht, bemerkten von der Fahrt nur wenig und kamen sehr ausgeruht am naechsten Morgen in der "weissen Stadt"an. Filme wurden auf dieser Strecke nur einer gezeigt: Ocean's Eleven hatte einen Haenger und startete etwa 5 Mal und brach jedes Mal an der selben Stelle wieder ab. Gerade als es spannend wurde. Dafuer konnten wir dann in diesem peruanischen Bus das komplette Robbie Williams Konzert sehen. Ich wusste nicht - und haette es auch nicht erwartet - dass die Peruaner den Williams kennen.

Die Fahrt war angenehm, verging sehr schnell. Ueberrascht war ich von der langen Fahrt aus Lima heraus, eine halbe Stunde nur an Slums vorbei, in denen die Landfluechtlinge, die taeglich zu Hunderten nach Lima kommen, hausen. "Wohnen" ist das nicht mehr.
Eine andere "Eigenheit" haben wir auch kennen gelernt: auf einem kilometerlangen, schoenen Strandabschnitt lagen keine Touris, sondern wurden tausende von Huehnern gehalten. In kleinen, offenen Staellen; direkt am Meer. Kein Wunder, da die Peruaner anscheinend nur "pollo" essen: es gibt an jeder Ecke eine Polleria, selbst in Arequipa...

Peru entdecken. Auf einem Teilstueck der legendaeren "Panamericana".

Nachtrag:
Wenn man eine der Busreisen plant, ueberlegt man sich durchaus, ob man womoeglich eine Toilette benoetigt. Dieses Eigenschaft erhoeht den Preis fuer eine Busfahrt ungemein. Doch man sollte sich nicht zu viel versprechen: man bekommt keine europaeische Toilette angeboten.
Auf einer unserer Ueberfahrten wollte ich dann doch einmal meinem drueckenden Gefuehl Erleichterung verschaffen. Es war mitten in der Nacht, demnach war auch die Beleuchtung im Bus gedimt. Mit Muehe fand ich die Tuer zur Toilette, oeffnete diese und suchte vergebens nach einem Schalter, der meinen mueden Augen etwas Licht besorgen koennte. Nach langem Tasten und dem Einstellen meiner Augen auf die Dunkelheit erkannte ich lediglich ein blechfoermiges Gebilde mit einem Loch in der Mitte.
Die anderen Fahrgaeste bemerkten meine Verunsicherung und meinten lediglich: "Wozu brauchst du Licht?" Jedenfalls verstand ich dies als ihre Antwort (auf spanisch). Da die Strecke sehr bergig und damit mit vielen Serpentinen gespickt war, konnte ich mir schlichtweg nicht vorstellen, wie dieses Loch...ich erspare euch den Rest und ueberlasse alles andere eurer Fantasie.
Ich setzte mich wieder und konnte dafuer bei vollem Bewusstsein erleben, wie LKW in der Nacht ohne weite Sicht beim Ansatz einer Kurve ueberholt werden und wie man verkehrsberuhigende Betonhubbel auf der Strasse schlichtweg uebersieht, weil es zu dunkel ist.

Busfahren in Suedamerica: Immer ein Erlebnis.