Suedamerika Teil 5: Schulbesuch in der Wueste
Mareike, Marlise (eine weitere Freiwilligenhelferin aus der Schweiz) und ich stiegen morgens in ein colectivo in Richtung Villa Cerillos. In diesem "Stadtteil" ist die Schule, in der Mareike den Lehrern beim Unterricht geholfen hatte.
Am Anfang war der Bus noch prall gefuellt. Wir fuhren in einem alten amerikanischen Gefaegnistransporter (wenn ihr den Film "Brubaker" mit Robert Redford kennt, dann wisst ihr, wie diese Busse aussehen) durch Arequipa und steuerten auf die Wueste ausserhalb der Stadt zu. Der Bus leerte sich von Kilometer zu Kilometer, je naeher wir den Slums kamen. Gute 15 Kilometer fuhren wir durch Wueste und Trockenheit, auf Staubstrassen und an "Haeusern" vorbei, die diesen Namen in Europa nicht tragen wuerden. Etwa so gross wie deutsche Schrebergartenhaeuschen, aus einfachen Steinen zusammengestellt, mit einem Wellblechdach (wenn ueberhaupt) lebten meistens 6 Personen auf 6 Quadratmetern. Wohlgemerkt: ein Schrebergartenhaeuschen in Deutschland waere purer Luxus fuer diese Menschen, die aus lauter Verzweiflung ihr Zuhause auf dem Land verlassen haben und an die Grenzen der Staedte fluechten (siehe auch Lima). Der erste Eindruck setzte sich langsam.
Nach einer Stunde waren wir an der Endstation angekommen und wir waren nur noch zu dritt im Bus (plus der Fahrer). Kaum stiegen wir aus, hatte Mareike auch eines "ihrer Kinder" an der Hand. Die Freude war gross, das Kind war gut angezogen und war frisch gewaschen. Sie sagte uns, dass sie alles neu zu Weihnachten bekommen hatte. Wir freuten uns. An dem damaligen Tag war ein Einweihungsfest an der Schule, da neue Klassenzimmer gebaut wurden, viel frisch gestrichen wurde und eine grosse Halle gebaut wurde. Nach 15 Minuten Fussweg war man da und in mitten von Staub und Steinen wirkte die Schule wie "Hoffnung".
Weitere Kinder erkannten Mareike und begruessten sie und ploetzlich konnte ich dann doch den krassen Gegensatz erkennen: an der linken Hand das gut gekleidete Kind mit neuem Pullover, Hose, Schuhen, Socken. An der rechten Hand ein Kind im gleichen Alter, mit Verbrennungen im Gesicht, ganz trockener Haut, dreckigen Oberteil, schlechten Schuhen und keinen Socken. Wir sassen mit beiden Kinder bei der Einweihungsfeier in der ersten Reihe und bei dem Anblick der beiden Kinder kaempfte ich mit den Traenen. Ich hatte mir den Unterschied nicht so deutlich vorgestellt. Das Kind mit den Verbrennungen war sehr verschlossen und erzaehlte Mareike nur, dass sie kein Weihnachten gefeiert hatte. Welch Gegensaetze in ein und dem selben Slum, vor den Toren einer wohlhabenden Stadt in Peru. Ich war geschockt.
Die meisten anderen Kinder wurden von ihren Eltern fuer diesen Tag besonders herausgeputzt. Durch die andauernden Ferien kamen die Kinder nicht mehr zur Schule und ihre Eltern legten dann nicht mehr viel Wert auf das Erscheinungsbild der Kinder. Wenn man sich vorstellt, dass dann jedes Kind auch noch einen Paten aus einem reichen Land der Welt hat, der das Kind unterstuetzt, stellte sich mir die Frage, wie es ueberhaupt zu solch ueblen Verbrennungen kommen kann und man Kinder so schlecht behandeln kann.
Nach der Feier und dem Begutachten der neuen Anlagen verliessen wir die Schule wieder und gingen zum Bus. Auf dem Weg begleitete uns noch das Kind mit den Verbrennungen mit ihren zwei Geschwistern und verschwanden nach kurzer Zeit in ihr "zuhause": eine Lehmhuette mit Wellblechdach, nicht mehr als 10 Quadratmeter Platz, zusammen mit ihren Eltern.
Auf dem Weg zurueck wsr ich immer noch schockiert und konnte es nicht glauben. Fotos, die Mareike machte, zeigen die Schule und die Kinder waehrend der Schulzeit, in denen die Kinder regelmaessige Mahlzeiten bekamen und eine Beschaeftigung hatten. Doch auf die Realitaet in ihrer schulfreien Zeit, die ich an diesem Tag sehen konnte, war ich einfach nicht vorbereitet.
Unbegreiflich. Unbeschreiblich. Ein Grund mehr zum Nachdenken und Helfen.


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