Professor M. mit der Tchibo-Tüte
Traum
Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Unerbittlich. Ich schleppe mich mühsam unter die Dusche und öffne meine Augen unter dem warmen Wasser. Der Toast duftet bereits und ich kann den ersten Bissen des Tages an meinem Couchtisch genießen.
Um 7.15 Uhr schließe ich meine Tür ab und fahre mit der U-Bahn Richtung Uni. Keine Verspätung und auf alle Anschlußzüge warte ich nur 1 Minute. Die kostenlose "Heute" informiert mich über das Wichtigste des vergangenen Tages.
Knapp 15 Minuten vor Seminarbeginn kann ich mir den Platz im H50 noch aussuchen und warte auf die Anderen. Wie immer beginnt unser Dozent pünktlichst um 8 Uhr das Seminar und die Letzten drängen sich noch auf die verbleibenden freien Sitzbänke.
Die Sonnen scheint, als ich gut gelaunt nach der Vorlesung Richtung Stephansplatz laufe. Viele fröhliche Menschen kommen mir entgegen und erfreuen sich an diesem wunderbaren Tag - genauso wie ich.
Wirklichkeit
Ich schrecke nach oben und blicke auf meinen Wecker neben mir: 7.46 Uhr! "Oh Mann, ich Dösel!" Ich habe den Wecker wieder ausgestellt, als ich schlaftrunken um 6.30 Uhr geweckt wurde. Und ausserdem sollte ich doch extra für Marion mitschreiben. "Nix wie los!"
Um kurz vor 8 Uhr verlasse ich ungeduscht und mit zwei vertrockneten Toastscheiben zwischen den Zähnen das Haus. Die U-Bahn lässt mich nur eine Minute warten. Am Schwedenplatz dann die Ernüchterung: 4 Minuten Wartezeit auf die nächste Bahn. Steht in der "Heute" etwas Interessantes, um die Zeit zu überbrücken? Ausnahmsweise nicht.
Mit etwas Glück erwische ich am Schottenring meine U2 und bin um 8.20 Uhr vor dem Unigebäude. Der Sprint in den dritten Stock in den H50 gelingt mir mit "Leichtigkeit": ausgepumpt erreiche ich den offenen Hörsaal.
Moment! 8:20 Uhr? Und die Tür ist noch offen? Merkwürdig. Ich betrete den Raum, der nach Schweiß und morgentlicher Unreinheit duftet. Vollgepackt bis auf den letzten Platz ergattere ich mir einen letzten Stehplatz. Vom Dozenten weit und breit keine Spur. Nach wenigen Blicken erkenne ich Katharina und Bianca, die schon mit den Hufen scharren: sie warten bereits seit über 30 Minuten auf den Seminarbeginn.
Nach einer kurzen Absprache verlassen wir wieder den H50 und ich begebe mich mit knurrendem Magen und verschlafenem Blick in Richtung 2. Bezirk.
Um diese Uhrzeit parken alle Autos wie wild auf dem eigentlich verkehrberuhigten Platz um den Steffl und die frühe Zeit scheint den Menschen nicht umbedingt ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern. Am Graben kommt mir dann noch Professor M. entgegen mit einer großen Tchibo-Tüte. Auch hier scheint die beste Laune sich erst am Ende des Tages einzustellen.
Mit letzter Kraft schleppe ich mich in die stickige U-Bahn gen Vorgartenstraße. Schulkinder lärmen in den engen Wagen und Mütter mit breiten Kinderwägen versperren die Türen. Endlich angekommen fasse ich den feuchten Türgriff an und steige aus der U-Bahn aus.
"Wenigstens ist das Wetter schön", denke ich mir und blicke in den wolkenverhangenen Himmel über Wien.
Always look on the bright site of life.


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