"Lassen sie bitte die Fenster die nächsten fünf Stunden offen, damit die Farbe trocknen kann."
Das Verhalten arbeitswilliger Handwerker in einer bayerischen Kleinstadt zur Herbstzeit:
Tag 1 (Freitag):
Die Fensterrahmen sollen im ganzen Haus von außen gestrichen werden. Dafür müssen die Maler in die Wohnung. Durch ein Flugblatt informiert, stelle ich mir den Wecker auf 6.50 Uhr. Pünktlich um 7.00 Uhr sollen die Arbeiten im ganzen Haus beginnen. Ich frage mich noch: "Fangen die oben bei mir an oder eher unten? Muss ich überhaupt so früh aufstehen?". Alle Anwohner werden gebeten, den ganzen Tag über zur Verfügung zu stehen oder im Vorfeld einen gesonderten Termin mit den Malern auszumachen. Am Tage zuvor habe ich extra mein Sofa schon abgerückt, die Fensterbänke angeräumt und alles, was keinen festen Platz in meiner Wohnung hatte und den Eindruck erwecken könnte, dass ich unordentlich bin, in meine Abstellkammer geschmießen. Man weiß ja nie.
Um 8.07 Uhr höre ich die ersten Geräusche im Treppenhaus. "Sie kommen", fährt es mir durch meine noch müden grauen Zellen. "Dann doch mal anziehen", schließlich will man den Handwerkern nicht im rosa Plüsch die Tür offen.
Um 9.13 Uhr überdenke ich noch einmal die ganze Situation und komme zu dem Schluß, dass ich um 10.00 Uhr doch mal anrufe. Der Aussendienstmitarbeiter des Immoblilienbüros, welches unser Haus betreut, ist per Handy jederzeit erreichbar.
Es ist Punkt 10.00 Uhr und ich erreiche den netten Außendienst- mitarbeiter: "Sie sind nicht der Erste, der heute anruft. Die Maler haben auch schon angefangen, streichen aber die Fensterrahmen in beiden Gebäudekomplexen (erste neue Info) und werden sicherlich heute zu ihnen nicht mehr kommen (zweite neue Info). Machen sie bitte einen gesonderten Termin mit den Malern ausmachen, falls sie heute die Wohnung noch verlassen sollten. Laufen sie doch einfach mal durch das Haus und suchen sie die Maler. Dann könne sie denen den Termin gleich nennen." Ich ziehe mir den Plüschmantel wieder an.
Um 10.04 Uhr rufe ich bei der Malerfirma an: "Hallo Antenne Bayern. Hier ist die Moni* von der Malerfirma XY." Ich vereinbare nach einem belanglosen Telefonat und einem Gefühl der Genugtuung, dass ich der Moni die Chance auf eine Viertelmillion versaut habe (als Ausgleich für meinen fehlenden Schlaf), einen Termin am Mittwochmorgen um 7.00 Uhr.
Tag 2 (Samstag):
Nach einer langen Nacht schlafe ich friedlich in meinem 140-Bett und überhöre sogar das Glockenspiel der nahen Kirche. Um 8.50 Uhr ist damit aber ein Ende. Sturmklingeln direkt an meiner Tür. Welcher ***** klingelt denn an einem Samstag um diese Uhrzeit über eine Zeit von 15 Minuten nahezu ununterbrochen an meiner Tür? Genau, ein Maler.
Durch den Türspion sehe ich ihn schon: Farbeimer, Pinsel, Arbeitskleidung. Verstecke den rosa Plüschmantel unter der Bettdecke und öffne bekleidet die Tür.
"Morgen. Ja bitte?"
"Ja, sind sie heute da? Wir würden die Fenster machen."
"Ich habe doch schon bei ihnen im Geschäft angerufen und einen Termin für Mittwoch vereinbart?"
"Ach so. Sind sie heute noch länger da?"
"Bis um 11.30 Uhr schon, dann müsste ich mal weg."
"Okay, danke. Ich schicke jemanden vorbei."
Weg war er. Ohne Info, wann denn nun ein Maler bei mir vorbeikommt und wie lange ich warten muss. Solche unvollständigen Infos sind der blanke Horror an einem Samstagmorgen um kurz nach Neun.
Um 10.45 Uhr kommt dann doch noch jemand, der aber erst die Fensterrahmen abschmiergelt. Immerhin: sie bringen Unterlagen mit, damit mein Teppichboden nicht dreckig wird. Mit ihren Schuhen laufen sie aber trotzdem durch die Wohnung und stehen natürlich auf - der dreckigen Unterlage. Logisch. Was erwarte ich auch?
Um 11:30 Uhr fahre ich zum Einkaufen. Ich hinterlasse einen Zettel und hoffe, dass die netten Kollegen nicht genau in dieser Zeit in meine Wohnung wollen.
Nach meinem Einkauf kochen ich mir etwas Leckeres und bereite mich schon seelisch darauf vor, dass ich heute nicht mehr gestört werde. Welch Irrglaube:
Punkt 14:40 Uhr kommt dann doch noch ein Maler, der beide Fenster anstreicht. Erst das Fenster im rechten Raum. Wir unterhalten uns über den 1.FC Nürnberg ("Der Glubb muss endlich ahn neien Dräner begommn, der wo die Burschen mal richtig hadd anbaggt."), über das aktuelle politische Geschehen ("Der Stoiber lässt sich von der Äingie ja alles gfalln.") und die Verschlechterungen auf dem Arbeitsmarkt ("Früher war des alles besser."). Dann das Fenster im linken Raum. Wir unterhalten uns über Bamberg, vor allem über die Kneipendichte. Das Gespräch endet in wüsten Beschimpfungen des Malers über den in Bamberg bekannten Clubbesitzer und Gastronom, Herrn S.. Weitere Ausführungen über den Inhalt des Gespräches mit dem Maler können nicht gemacht werden, weil sonst zivilrechtliche Klagen auf den jungen Mann mittleren Alters zukommen würden.
Ich werde noch darüber informiert, dass am Mittwoch noch einmal ein Maler wegen dem zweiten Anstrich kommen wird - und, dass ich die nächsten fünf Stunden die Fenster ganz offen lassen sollte, damit die Farbe trocknen könne. Ich stelle die Heizung ab und ziehe mir doch einen Pullover an.
Um 15.56 Uhr wechsele ich den Pullover und ziehe mir doch eher einen dickeren Pulli an. Um 16.41 Uhr dringt der beißende Geruch der Farbe noch tiefer in meinen Körper ein. Benebelt fange ich an zu fantasieren: lebendige rosa Plüschmäntel, ein Rastamann in meiner Küche und ehrliche Politiker. Sachen gibts! Um 17.25 Uhr entscheide ich mich dazu, meine Winterjacke auszupacken und mich vollends zu bekleiden. Auch ein zweites Paar Socken wird gebraucht. Um kurz vor 20.00 Uhr schließe ich die Fenster, bleibe aber voll bekleidet und mache mich auf den Weg: DVD-Abend mit Gerald, Balu und Katha.
Tag 3 (Mittwoch):
Ich stelle mir keinen Wecker. Besser ist es. Um 7.00 Uhr klingelt keiner. Um 7.30 Uhr klingelt immer noch keiner. Um 8.00 Uhr werde ich langsam von alleine wach und wundere mich, dass noch keiner meine Fenster streicht. Um 8.15 Uhr klingelt es dann doch an meiner Tür. Ich öffne die Tür und bemerke gerade noch rechtzeitig, dass ich den rosa Plüschgürtel umgebunden habe. Der Maler hat schon alles dabei und macht sich an die Arbeit.
Um 8.20 Uhr klingelt es erneut: ein zweiter Maler! Sollte ich mich wundern? Zwei Maler, damit es schneller geht? Hat da jemand mitgedacht? Ich bin schwer beeindruckt und unterhalte mich mit dem zweiten Maler über einen Mitbewohner, der angeblichen ein Messi sei und in dessen Wohnung man gar nicht arbeiten könnte. Sehr informativ. Warum streicht man Fensterrahmen, die nach außen zeigen, nicht auch einfach von außen? Dann müsste man nicht in die Wohnung und die Leute würden sich nur darüber aufregen, dass die Maler von außen in die Zimmer hineinsehen können.
Um 8.35 Uhr sind die Arbeiten beendet. Frohen Mutes setzte ich mich an den PC und blogge eine Runden. In meinem Zimmer bleibt es schön warm, da man die Fenster nahezu ganz schließen kann und sie nur einen kleinen Spalt offen bleiben müssen. "Damit die Wohnung nicht auskühlt", sagt der Maler. Danke für die Info - am dritten Tag!
Tag 4 (Donnerstag):
Nach einem sehr langen Abend und einer sehr kurzen Nacht (4 Stunden Schlaf) klingelt es um 8.47 Uhr an meiner Tür. Ich wache auf (es könnte wichtig sein), krieche zur Tür (vielleicht möchte jemand eintreten), raffe mich auf (notwenigerweise) und sehe durch den Türspion (dafür ist er schließlich da): ein Eimer Farbe, Pinsel, Abdeckplane. Irgendein Vollvosten hatte vergessen, meine Wohnung von der Liste zu streichen!
Serviceparadies Deutschland. Erfrieren und Schnüffelprobe inklusive
*Name wurde von der Redaktion verändert.


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